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Reisetagebuch von Sonja und Gilbert
geschrieben von Gilbert Truffer
23.
Oktober 2003 Abreise in der Schweiz. Es regnet und schneit in Zürich. Flug nach Dallas. Musste bei der Security-Kontrolle die Schuhe ausziehen. Sonja auch. Flug nach Miami. Flug nach La Paz: über Columbien heftige Turbulenzen. Sonja hat gemeint, dass wir schon landen. Zum Glück hatte ich einen guten Schlaf! Kleiner Flughafen in "El Aldo", La Paz. Jetzt mit kleiner Arion nach Cochabamba. Schon fast familiar. Verliere langsam meine Flugangst. Übung macht den Meister.
24. Oktober 2003 / Freitag In Cochabamba 7.55 Uhr. Erik holt uns ab. Er beklagt sich, dass mein Fax nicht richtig angekommen ist. - Kann schon sein - Im Aldeo findet ein Turnfest statt. Wir mischen uns unter die Kinder und haben schnell viele kleine Amigos. Die Kinder zeigen verschiedene Turnübungen und Tänze. Bin erstaunt. Gefällt mir sehr gut. Die Kinder suchen sofort unseren Kontakt und sind sehr freundlich. Zwei Deutsche sind auch im Dorf. Pater Bernardo und Hugo.
Pater Bernardo unterstützt das Aldea schon lange und hat mir seine Adresse gegeben. Ich glaube, da wird sich einiges machen lassen. Er kennt unsere Homepage. Am Nachmittag schlafen wir ein paar Stunden mal wieder richtig. Nach ca. 30 Stunden Reise! Am Abend lernen wir noch eine "Tia" und ca. 20 Mädchen kennen, die im Haus (daneben) bei Erik und Ingrid leben. Die Mädchen interessieren sich für alles mögliche und bringen uns spanisch bei. Nach einem üppigen Nachtessen rede ich ein wenig mit Erik. Erzähle im Einiges aus der Schweiz. Gegen 24.00 Uhr nickt er ständig ein. Wir gehen schlafen. Sonja gefällt es sehr gut und ich bin zufrieden.
26.
Oktober 2003 / Sonntag Am Morgen mal wieder duschen. Hab's auch nötig! Dann gehen wir zur Sonntagsmesse, an der alle ninos teilnehmen. Sie findet in der Turnhalle statt. Ca. 400 Kinder. Alle singen und machen mit. Nach der Messe Besichtigung der Baustelle. (Lehrlingswerkstätte) Der Rohbau ist praktisch fertig. Es ist sehr heiss!! Kleine Kinder begleiten uns ständig. Sie wurden von Erik aus dem Gefängnis geholt und er sorgt für 400 Kinder!! Um 14.00 Uhr Fondue Chinoise bei Erik. Wir essen hier zuviel! Anschliessend zurück ins Aldea. Zuerst Gespräch mit Erik. Was benötigt wird. Schuhe: Grösse 28 - 34 Kleider: Alles, aber intakt! Medikamente: Alles, auch Zahnarzt! Habe mit Kurt telefoniert. Haben eine Familie (Tia) besucht. Interessantes Konzept. Wetter ist sehr windig und es regnet leicht. Viele Fotos mit den Kindern. Am Abend Raclette bei Ingrid und Erik.
27. Oktober 2003 / Montag 8.00 Uhr. Die Kinder beginnen mit der Schulwoche. Die Fahne wird hochgezogen und die bolivianische Hymne (Real player) gesungen. Alles wirkt fast militärisch. Überhaupt zeigen die Kinder sehr viel Disziplin. Während den Unruhen vorige Woche wurden die ninos auf dem Schulweg von den eigenen (!) Leuten mit Steinen beworfen. Dem Aldeo wurde mit Feuer und Zerstörung gedroht falls sie die Blockade nicht einhalten. Laut Pater Bernardo wurden die Vorräte knapp. Bananen aus der Umgebung haben geholfen. Bei der Eröffnung der Schulwoche stellt uns Pater Erich allen Kindern, ca. 800, vor und erklärt, dass wir sie unterstützen wollen. Bernardo und Huge werden verabschiedet und fliegen um 13.00 Uhr ab. Hab' mit Bernado vereinbart, dass wir uns im Herbst in Europa treffen. Er und sein Missionskreis haben schon mächtig viel Geld gesammelt. Hängen im Aldeo herum und unterhalten uns mit Kindern. Ca. 14.00 Uhr Mittagessen. Anschliessend gehen wir mi t "Tonja" zum Markt. Endlich in die Stadt. Tonja beeilt sich sehr, da sie nicht bei Dunkelheit in der Stadt sein will. Drei Mädchen begleiten uns. Der Markt ist riesig und es ist alles zu haben. Allein hätten wir keine Chance. Wir kaufen für den Urwald ein. Am Mittwoch werden wir mit Erik in den Urwald gehen. Tonja organisiert alles sehr gekonnt. Sie handelt perfekt. Riesige Mengen an Kartoffeln und Bananen sind zu sehen. Einige Frauen erlauben uns zu fotografieren. Andere auch nicht. Von der Zahnbürste bis zum Kuhmagen ist alles zu haben. An den Fleischständen stinkt es aber gewaltig. Die Bolivianos müssen Magen wie Pferde haben. Am Anfang begleiten uns plötzlich zwei Bolivianer, was Sonja und mir nicht so ganz gefällt. Sie "verfolgen" uns überall. Es stellt sich heraus, dass das unsere "Träger" sind. Tonja mietet einen kleinen LKW und darauf wird alles verladen und ins Aldea gebracht.
Alle Träger und Helfer werden von Tonja sofort bezahlt. Sie geniesst grosses Vertrauen bei Ingrid und Erik. Sie organisiert alles fast unsichtbar. Sie kennt Sternau, Luzia und Therese. Ich sage ihr, dass Therese gestorben ist, was sie sehr bedauert. Machte Fotos bei der Rückfahrt. Am Abend zügeln wir von Erik's Haus ins Gästehaus. Die Mädchen in Erik's Haus bedauern das.
Ingrid weist uns einen Jeep zu und so sind wir ab sofort...... Der Markt hat grossen Eindruck gemacht, in der Stadt herrscht ein heiloses Durcheinander. Autos, Verkäufer, Polizisten, Soldaten, Betrunkene, Kinder, Familien, dazwischen tatsächlich einige Männer in Anzug und Krawatte. Man fragt sich, was die hier zu suchen haben! Vor jeder Bank stehen Sicherheitsleute mit Gewehren.
28. Oktober 2003 / Dienstag Gehe mit Ingrid in die Stadt, um einzukaufen und Rechnungen zu bezahlen. Sie muss für die Telefon-Rechnung und den Strom mindestens an 4 Orten vorbei. Sie erledigt die Geschäfte und ich passe auf, dass niemand den Jeep klaut. Die Stadt macht mir keinen besonderen Eindruck. Kubanische Städte sehen schlimmer aus!!! Fidels System ist Scheisse. Als sie zur Post geht, kaufe ich mir etwas zu trinken und hüte das Auto. Ich setze mich zwischen die zwei Fahrspuren und mache einige Fotos. Ich höre einige Knaller, die wie Gewehrschüsse tönen, machte mir aber nichts daraus, weil viele Leute auf der Strasse sind und so tun, als wenn nichts wäre. Also was soll's? Plötzlich kommt Ingrid angerannt und ist ausser sich. "Die Idioten blockieren wieder die Strasse und schiessen" sagt sie, "Wir müssen hier schnell weg". Als wir nicht sofort wegkommen, fängt sie an zu beten. Das war nicht gerade motivierend. Wir haben's aber gut geschafft wegzukommen. Etwa 50 Meter von uns entfernt sehen wir den wütenden Mob. Wir fahren etwa 5 Minuten weiter und gehen in ein riesiges Kaufhaus. Hier ist alles zu haben wie in der Schweiz. Die Leute interessiert es offenbar nicht, was in der City abgeht. Wir kaufen "Glace" für die Kinder und Proviant für den Urwald. Am Mittag erklärt mir Erik das Trinkwasserprojekt im Urwald und von den Schwierigkeiten. Er schimpft mal wieder, dass die Indios viel zu viel saufen und nicht arbeiten wollen. Die Indios sollten 6 Stunden am Tag arbeiten, aber das klappt nicht immer! Sie saufen viel Maisbier und billigen Alkohol. Die Indios in den Bergen seien klein und rund, und die im Dschungel gross und schlank. Er baut ein Reservoir mit ca. 200m3 mit allen Fassungen und Leitungen. Das Wasserprojekt kann nur zu Fuss erreicht werden. Das kann ja heiter werden mit all' den Viechern im Dschungel. Morgen werden wir mit Erik und 8 Arbeitern in den Dschungel gehen. Ich freue mich darauf. Sonja auch. Am Nachmittag sehen wir uns mit Ingrid alle Schulräume und alle anderen Häuser an. Es gibt total 12 Schuljahre mit Abiturabschluss. (Sekundarschule) Kosten für Schulmaterial ca. $4000.- pro Jahr, das sollte doch für unseren Verein zu schaffen sein! Sie zeigt uns auch den Arzt und die Zahnarztpraxis. Der Arzt ist gerade da und untersucht Kinder und eine alte Frau. Medikamente werden dringend gebraucht. Auch Zahnfüllungen, die sehr teuer sind. Pater Bernardo wurden vor 2 Jahren Zahnfüllungen im Wert von DM 10'000.- am Flughafen in Brasilien gestohlen! Habe ein Mail auf unsere Homepage geschickt.
29. Oktober 2003 / Mittwoch Heute gehts endlich in den Dschungel. Am Vormittag hängen wir im Dorf herum und packen unsere Sachen für die Fahrt nach Santisima Trinidad. Um 13.00 Uhr geht's los. Autokontrolle in der Stadt. Fahrt durch Cochabamba und einen Pass von 4'000 m.ü.M.! Also fast doppelt so hoch wie der Simplon. Die Gegend gefällt uns sehr gut. Die Bäume wachsen fast bis auf 4'000 m.ü. M. Nach der Passhöhe wechselt das Klima und die Vegetation. Hohe, immergrüne Hügel wechseln tiefe Schluchten ab, durch die wir fahren. Die Strasse ist nun asphaltiert bis ca. 1/2 nach der Passhöhe, dann beginnt eine Scheiss-Holperpiste.
Es regnet stark und Erik erklärt, dass wir so weniger Staub fressen müssten. Seine Fahrweise ist auch das Gefährlichste an diesem Ausflug. Er überholt überall, das ist wohl so normal hier. Wir fahren neben Baustellen vorbei, und an kleinen, improvisierten Kaufständen der Einheimischen. Sobald eine Strassebaustelle entsteht, wurden sofort Verkaufsstande aus Bambus erstellt. Wir fahren durch verschiedene kleine Dörfer und holpern weiter. In einer der Schluchten ist die Strasse wieder asphaltiert. Der Nebel, der Regen und die grünen Hänge ergeben zuweilen ein gespenstisches Bild. Wenn da nur nichts runterrutscht!!! Ab und zu eine Polizeikontrolle oder Leute, mal spielende Kinder am Strassenrand. Hinter uns fährt noch ein Jeep, der auch zum Aldea gehört. Dann geht an einer Kreuzung rein in den Dschungel. Erik fährt ganz schön schnell. Ein Hund und ein Schwein habe Riesenglück, dass sie nicht überfahren werden. Von den Hühnern reden wir erst gar nicht. Überall sind Leute unterwegs. Dann kommen wir zum ersten Fluss. Da Erik nicht weiss, wie tief er ist, muss der Bolivianer Xavier seine Hose ausziehen und durch den Fluss laufen. Das Wasser reicht ihm bis zur Unterhose. Also kann's losgehen. Wir überqueren den ersten grossen Fluss. Weitere kleine folgen. Vom zweiten Jeep ist nichts zu sehen. Wir kommen an einen weiteren grossen Fluss, den Isiborio. Laut Erik ist das der gefährlichste von allen, da er grosse Steine mitführt. Das kann den Jeep umhauen oder blockieren, so dass man nicht mehr weiterkommt. Bei Regen schwellen die Flüsse sofort an und eine Überquerung ist unmöglich. Ein bisschen mulmig ist uns schon beim Überqueren. Wir warten auf den zweiten Jeep. Da er aber nicht kommt, überqueren wir den Fluss schon mal und warten auf der anderen Seite. Es wird Nacht und es herscht eine unbeschreiblich schöne Stimmung. Wir sind fast in der Mitte des halb ausgetrockneten Flusses und geniessen diese Stimmung. Erik gerät ins Schwärmen. Die Stimmung ist unbeschreiblich. Wir mitten im Fluss und an beiden Ufern die dunkelgrüne Wand des Dschungels. Dann geht der Mond auf und das "Konzert" im Dschungel beginnt. Viele kleine Tiere machen einen Riesenlärm. Vorallem Frösche und Grillen. Es ist wirklich unendlich schön, hier zu stehen, und das alles zu sehen und zu hören.
Kleine, leutende Tierchen sind zu sehen. Die Temperatur ist sehr angenehm. Ca. 45 Minuten können wir dieses Schauspiel geniessen. Dann kommt der zweite Jeep, der 2 Pneus wechseln musste, und die Fahrt geht weiter. Vorbei am Posten der Urwaldpolizei erreichen wir dann Santisima Trinidad. Der Ingenieur begrüsst uns und zeigt uns unsere Zimmer. Zu meiner Überraschung gibt's Strom, aber kein fliessend Wasser. Wir holen das Wasser aus einer Tonne mit Regenwasser. Ansonsten ist das neu erbaute Missionshaus sehr komfortabel. Bin auch sehr froh, dass ich nicht in den Büschen auf die Toilette muss. Nach einem üppigen Nachtmahl legen wir uns hin und lauschen dem Konzert im Dschungel. Morgen gehen wir dann noch zu Fuss in den Dschungel, um die Baustelle der Trinkwasserversorgung zu besichtigen. Hoffentlich begegnen wir weder Taranteln noch giftigen Schlangen. Laut Bernardo sitzen die Giftschlangen in den Bäumen. Oh Graus.
30. Oktober 2003 / Donnerstag Um 08.00 Uhr stehen wir auf und gehen zur Messe. Vorallem Schulkinder sind da, und einige Frauen. Die Kinder sind hier aber scheu, verglichen mit dem Kinderdorf in Cochabamba. Sie singen aber kräftig mit und es ist eine wirklich schöne Messe. Ein Mann auf der Handorgel und einige Kinder mit Schlaginstrumenten verschönern den Gottesdienst. Nach der Messe mache ich einige Fotos.
Vor der kleinen Kirche reden wir dann mit einigen Einheimischen, die uns Glück wünschen und sich bedanken. Sie sind sehr freundlich. Die Gemeinde wurde von Erik gegründet und existiert seit 27 Jahren. Vorher gab's hier nur den üppigen, grünen Dschungel. Auch die Strasse wurde von Erik erbaut. Da die Ingenieure kein geeignetes Trassé finden konnten, wurde die Piste mit Hilfe der Indios abgespickt.
Nach der Messe geht's dann zu Fuss in den Dschungel. Ein kleiner Fussweg, steil, und mit roter, rutschiger Erde bedeckt. Sämtliches Baumaterial muss 1/2 Stunden über den Weg in den Dschungel getragen werden. Die Indios sind die Träger. Sie arbeiten 6 Stunden, aber eben nicht immer. Das Projekt sichert die Wasserversorgung für das ganze Dorf. Viecher sehen wir keine, mehr Schmetterlinge und Vögel. Der Dschungel ist wunderschön. Die rote Erde und die satten, grünen Hügel hinterlassen mächtig Eindruck. Dann, auf einer Lichtung, erreichen wir die Baustelle. Etwa 25 Leute bauen hier mit primitiven Mitteln ein Reservoir, die Leitungen und die entsprechenden Wasserfassungen. Xavier, der Ingenieur, überwacht die Arbeiten und wird von einem Architekten abgelöst. Die Betonschalung ist kriminell. Mir sträuben sich die Nackenhaare! Aber bei dem Betoniertempo ist das kein Problem. Eine Gruppe bringt Material, (Indios), eine Gruppe mischt den Beton, eine Gruppe transportiert den Beton, ein Gruppe betoniert. Ein paar ruhen sich aus. Bei diesen klimatischen Bedingungen ist alles eine harte Knochenarbeit. Die einzige Maschine ist die Vibriernadel und das Stromagregat. Die Ausführung des Reservoirs und die Details scheinen mir in Ordnung. Der Ingenieur erklärt mir alles. Er ist ein feiner Kerl und spricht ein wenig Deutsch. Das ganze Projekt wird sicher funktionieren und den Leuten einige Erleichterung bringen. Ich gehe noch mit Erik und dem Architekten zu den Wasserfassungen. Der Dschungel wird immer schöner. Giftschlangen und Spinnen sehe ich zum Glück keine. Der Architekt geht mit einer Machette voran. Die kleine Lichtungen und Wassersümpfe im Dschungel sehen aus wie im Paradies. Riesige blaue Schmetterlinge begleiten uns. Wir kehren zur Baustelle zurück und laufen mit Arbeitern zusammen zurück nach Santisima Trinidad, zum Mittagessen. Eins steht fest, wir waren nicht zum letzten Mal zu Fuss im Dschungel unterwegs.
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