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F R A U E N G E F Ä N G N I S
Das Projekt ist einfach: Wir kaufen den Frauen in den Gefängnissen Tischtücher ab, die Sie selber hergestellt haben und verkaufen diese hier in der Schweiz. Unten ein Bericht von Gilbert, der das Frauen- und Männergefägniss in Cochabamba besucht hat:
Besuch in den Gefängnissen Im August 2006 habe ich zusammen mit Schwester Ingrid ein Männer- und ein Frauengefängnis in Cochabamba besucht. Ich möchte vorausschicken das dieser Besuch nur Dank der jahrelangen, grossartigen Arbeit von Pater Erik und Schwester Ingrid in den Gefängnissen von Cochabamba möglich war. Pater Erik hat die Gefängnisse in Cochabamba während vielen Jahren als Seelsorger betreut, und hat während dieser Zeit vieles zum Besseren wenden können. Die Kinder im Kinderdorf „ Aldea de ninos Cristo Rey „ stammen zum grössten Teil aus diesen Gefängnissen. Die Fotos auf unserer Homepage sind 14 Jahre alt. Sie entsprechen aber leider immer noch der harten, unmenschlichen Realität in bolivianischen Gefängnissen. Fotografieren oder filmen sind heute nicht mehr möglich. 1. Das Männer-Gefängnis Mitten in der Stadt neben einem Hotel gehobener Klasse liegt das Gefängnis das wir besuchen. Irgendwie habe ich mir einen solchen Standort nicht vorstellen können. Aber so ist das eben in Bolivien, Neben dem Hotel ein Gefängnis und in den Seitenstrassen Kanaldeckel aus denen die Fäkalien auf die Strasse rinnen. Wir betreten zusammen mit einer bolivianischen Schwester eine Art Vorhalle, die geradeaus in das Gefängnis und rechts in das Büro des Gefängniskommandanten führt. Wir müssen warten, und nach einiger Zeit werden wir in das Büro des Kommandanten geführt. Die Szene in diesem Raum bringt mich immer noch zum schmunzeln. Rechts neben dem Eingang sitzt ein übergewichtiger Sergeant an einem rostigen Bürotisch, und ist damit beschäftigt sich den Schweiss von der Stirn zu wischen. Er zeigt uns mit einer Handbewegung das wir warten sollen. In der rechten Ecke des Büros sitzt eine Sekretärin die mit dem Herr Oberst redet, und sich mit einer uralten Schreibmaschine abmüht. Nun werden wir vorgelassen zum Kommandanten. Auf seinem nicht weniger rostigen Schreibtisch steht eine Computerbildschirm, der nirgends an einen Computer angeschlossen ist, was ihn aber sichtlich stolz macht. Er ist sehr freundlich und Schwester Ingrid erklärt ihm den Grund unseres Besuchs. Wir haben auf dem angrenzen Markt Hühner und Kartoffeln gekauft um sie an die Gefangenen zu verteilen, da ein nationales Fest bevorsteht, und nicht alle der Insassen in der glücklichen Lage sind, das sie von Verwandten oder Bekannten versorgt werden. Im Grunde genommen stellt der Staat Bolivien nur das Gebäude für die Gefängnisinsassen zur Verfügung. Das Gebäude sieht in diesem Fall aus wie eine grosse, alte Lagerhalle die teilweise mit Gittern abgeriegelt ist, und von Polizisten bewacht wird, die im Dachstock der Halle über Metallstege patroullieren. Für die Beschaffung von Nahrungsmitteln, Kleidern und medizinischer Versorgung ist jeder Gefangene selbst verantwortlich. Sogar die Zellen müssen selber gebaut oder beschafft werden! Ich werde später darauf zurückkommen. Die Insassen müssen also von draussen versorgt werden. Meistens von Verwandten, Freunden oder Bekannten. Ausländer oder Bolivianer ohne externe Unterstützung müssen sich innerhalb der Gefängnismauern andersweitig organisieren. Nachdem wir also unser Anliegen vorgetragen haben, orientiert uns der Oberst über die Vorschriften innerhalb des Gefängnisareals, was heissen soll das fotografieren und filmen verboten sind, und lässt uns zum Eingang bringen. Am Eingang steht ein Polizist der das grosse Eisengitter aufschliesst und uns dann Einlass gewährt, in diese fremde Welt mit ihren eigenen Gesetzen. Es überrascht mich schon ein Wenig das er uns nicht begleitet. Ohne Schutz allein unter Menschen die mit Sicherheit nichts zu verlieren haben? Ich vertraue auf Schwester Ingrid und stelle keine Fragen. Wir treten also ein in diese Welt voller Dreck und Gestank. Sofort erscheint ein etwas älterer Insasse mit einem Schreibblock in der Hand. Er begrüsst Schwester Ingrid, die ihn zu kennen scheint. Mir wird klar das ab diesem Moment die Polizisten draussen nichts mehr zu sagen haben. Hier drinnen ist er der Chef. Hier drinnen ist nichts mehr so wie draussen. Hier herrscht eine eigene Hirarchie, eigene Gesetze, eigene Strukturen. Wie ich schon vorgängig beschrieben habe kümmert sich der Staat um nichts. Er schliesst die Türe hinter den Gefangenen und dann ist die Sache für ihn erledigt. Die Polizisten betreten diese Welt nur dann wenn sie unbedingt müssen, nämlich dann wenn es grösseren Aerger gibt, wenn es zu Aufständen kommt. Für die Polizisten ist es hier drinnen zu gefährlich. Für den Lohn den sie kriegen lässt sich keiner freiwillig umbringen. Der Chefinsasse organisiert also sofort einige Träger die die mitgebrachten Hühner und Kartoffeln in die Gemeinschaftsküche tragen. Die Gemeinschaftsküche kann von den Insassen benützt werden, die in ihren Zellen über keine Kochgelegenheit verfügen, meistens Ausländer und Insassen ohne externe Unterstützung. Die Küche ähnelt eher einem Schlachthaus, und es stinkt furchtbar. Gekocht wird auf einem Gasherd. Direkt neben der Küche befinden sich die Duschen, die diesen Namen mit Sicherheit nicht verdient haben. Es sind Drecklöcher in denen man schmutziger rauskommt als das man reingeht. In der Küche werden die Hühner sofort gezählt, und siehe da, prombt hat es ein Huhn nicht bis zur Küche geschafft. Einer der freiwilligen Träger hat es wohl versehentlich mitgenommen. Zwei Insassen machen sich also auf den Weg um das verlorene Huhn zu suchen. So wie die Hühner stinken werden sicher bald erfolg haben. Der Chefinsasse erklärt uns die Küche, und bedankt sich herzlich für das mitgebrachte Festmahl. Während wir uns in der Küche umsehen, hören wir das das Huhn gefunden wurde. Wir hören das weil der Hühnerdieb mächtig verprügelt wird, und die zwei Küchengehilfen mit dem Huhn in die Küche zurückkehren. Die meisten Insassen verfügen über eine eigene Kochgelegenheit in ihren selbst gezimmerten Zellen, und schaffen sich so ein wenig Freiheit innerhalb dieser Gefängniswelt. Wir beginnen mit dem Rundgang durch die Anstalt. Es ist ein Labyrint aus Gängen und Treppen die in die dreistöckigen Holzzellen führen. Das Gefängnis verfügt über etwa eine handvoll gemauerte Zellen. Alle anderen Unterkünfte wurden von den Gefangenen aus Holzbrettern errichtet die von draussen kommen, und hier im Gefängnis gekauft werden müssen. Stellen wir uns das mal vor. Man wird ins Gefängnis gesteckt und erhält weder Nahrung, noch Kleider und Schlafmöglichkeit. Man muss sich das hier drinnen selbst beschaffen. Innerhalb der Hierarchie dieser eigenen, uns fremden Welt. Man kauft es von einem der Chefs, oder arbeitet dafür. Man erledigt verschiedene Arbeiten oder beschafft Drogen oder Geld von draussen, um sich im Gefängnis einzurichten. Ohne grosse Reden oder Abzeichen erkennt man sofort wer wem was zu sagen hat, wer nicht mitmacht, innerhalb dieser Ordnung, wird verprügelt oder manchmal auch ermordet. Viele der Insassen sind seit Monaten oder Jahren hier und haben noch keinen Richter gesehen. Die meisten haben kein Geld für einen Anwalt. Die selbst gezimmerten Zellen verfügen über Strominstallationen und Kochgelegenheiten die provisorisch und sehr gefährlich sind. Es scheint mir das jeden Moment ein Kurzschluss zu einem Brand führen müsste, den die meisten Insassen mit Sicherheit nicht überleben würden. Die Zellen sind klein und immer mit einem grossen Vorhängeschloss gesichert. Für jeden Mensch der draussen lebt währen es Löcher in denen man nach wenigen Tagen wahnsinnig werden müsste. Für die Insassen sind sie Zuflucht, Zuhause und Intimsphäre. Es erstaunt mich das die Männer angesichts dieser Verhältnisse nicht agressiver sind. Ich weiss nicht wie man hier nicht den Verstand verlieren soll. Im Aufenthaltsraum stehen Tische, einige halbkaputte Billardtische und ein Getränkeautomat die eigentlich auch in Europa stehen könnte. Ein Automat der mit Geld gefüttert werden muss, über das die meisten hier nicht verfügen. Das heisst, sie beschaffen es ich wohl über Gefälligkeiten und Arbeiten für die Chefs und über Drogenhandel. Im Aufenthaltsraum treffen wir auch einige Frauen mit ihren Kindern die ihre Männer besuchen, oder durch Prostitution Geld verdienen um ihre Familien zu ernähren. Der Chefinsasse zeigt uns dann stolz die Dinge die Pater Erik und Schwester Ingrid eingerichtet haben. Zuerst die Metallwerkstatt die unter anderem aus alten Oelfässern Grillöfen bauen, die vor dem Gefängnis verkauft werden. Die Werkstatt ist sehr primitiv eingerichtet. Sie bietet aber vielen Insassen die Möglichkeit sich ihr Leben hinter Gittern legal zu finanzieren. Gemessen an den Einrichtungen und an dem Dreckloch, das sie Werkstatt nennen sind diese Menschen wahre Künstler im Umgang mit Metallen. Es geht weiter in den Innenhof der direkt an das Hotel angrenzt. Laut der Aussage von Ingrid hat Pater Erik sehr lange um diesen Innenhof gekämpft. Die Insassen können hier wenigstens die Sonne sehen, und frische Luft einatmen. Die Situation ist bizzar. Die Insassen sind nur durch eine Mauer vom benachbarten Hotel getrennt, in dem Ausländer in Freiheit essen, schlafen und trinken. Die Insassen versichern uns, das sie diese kleine Freiheit sehr schätzen. Mir wird klar was für ein Stellenwert Pater Erik und Schwester Ingrid in diesem Gefängnis einnehmen. Was sie für die Insassen getan haben erfüllt alle diese Menschen mit Respekt und Vertrauen. Immerhin befinden wir uns in Gesellschaft mit Mördern, Drogendealern, Dieben, mit Menschen denen das Leben nicht mehr viel zu bieten hat. Wir stehen unter dem Schutz der Menschlichkeit die Pater Erik und Schwester Ingrid diesen gescheiterten Existenzen immer wieder entgegengebracht haben. Nicht einer dieser Männer, kein einziger, egal was er verbrochen hat, würde es wagen uns ein Haar zu krümmen. Er müsste sich mit seinem Leben vor den anderen Insassen verantworten, er müsste sich verantworten vor den ungeschriebenen Gesetzen innerhalb dieser Gefängnismauern.
2. Das Frauengefängnis Meinen Eindrücken des Gesehenen nachsinnend erreichen wir das Frauengefängnis, das in einem anderen Stadtteil in Cochabamba liegt. Als wir vor dem Eingang stehen, wird die Anstalt mit Getränken versorgt. Getränke die die Frauen nicht einfach erhalten, sie müssen sie kaufen. Die Regeln betreffend der Versorgung durch den Staat sind die gleichen wie im Männergefängnis. Als wir eintreten ist mein erster Eindruck eigentlich nicht schlecht. Alles wirkt sauberer und organisierter als im Männergefängnis. Die Kontrolle durch die Polizistinnen ist strenger, und ich muss sogar meinen Pass am Eingang abgeben, was mich nicht sehr glücklich macht. Eigentlich muss ich ausser meinen Kleidern, alles am Eingang abgeben, Kamera, Handy, Fotoapparat, Rucksack, Ich bekomme eine Quittung und wir dürfen weiter zum Empfangsbüro. Als „Gringo“ werde ich argwöhnisch gemustert, und Schwester Ingrid muss unzählige Fragen über unsere Absichten beantworten. Natürlich will man auch wissen, was der Ausländer, der Gringo hier sehen will. Nach dieser ersten Befragung werden wir angewiesen noch ein Wenig zu warten, bis die Frau Oberst uns empfängt. Nach einiger Zeit kommt eine Polizistin und erklärt uns freundlich, das die Kommandantin heute keine Zeit habe uns zu empfangen. Nun, was soll man machen, wir wollen unsere Sachen holen um dann nach Hause zu gehen. Als wir also unsere Sachen holen, kommt wieder eine Polizistin und lässt uns wissen das sich dank günstiger Umstände doch noch ein Termin bei der Frau Oberst ergeben habe. Na also, denke ich mir, und wir betreten das Büro der Kommandantin. Das Büro macht einen sehr guten Eindruck, es ist sauber, und wohl nicht jeder Bolivianer verfügt über ein solches Wohnzimmer. Auf der einen Seite der Bürotisch der Frau Oberst, und auf der anderen Seite eine saubere Polstergarnitur, auf der ich mich niederlasse. Schwester Ingrid nimmt am Tisch der Frau Oberst Platz, und muss erneut unzählige Fragen beantworten. Das Gespräch wird immer wieder unterbrochen, weil die Frau Oberst eine Klingel betätigt, worauf eine Polizistin ins Büro tritt, sich korrekt anmeldet, und dann wieder verschwindet. Nach etwa 20 Minuten sagt die Kommandantin, das wir das Gefängnis nicht betreten dürften, da dies für Ausländer nicht gestattet sei. Schwester Ingrid lässt sich nicht abwimmeln, und erklärt der Kommandantin dann, das ich die Absicht habe den Frauen im Gefängnis selbstgestickte Tücher und Decken abzukaufen, die ich in Europa verkaufen will. Die Frau Oberst ergiesst dann einen wahren Schwall von Danksagungen und Komplimenten über uns, und gewährt uns dann Eintritt in ihr Reich. Natürlich erhofft sie sich einen ansehnlichen Anteil en unseren Investitionen. Alles in allem haben wir eine perfekte Machtdemonstration einer Frau Oberst erlebt, angefangen bei den anfänglichen Zurückweisungen, bis zu den sinnlosen Auftritten der Polizistinnen die durch eine banale Klingel zu korrektem salutieren aufgefordert wurden. Wir betreten einen sehr grossen Innenhof, um den die Zellen und anderen Räumlichkeiten verteilt sind. Auf dem Innenhof spielt sich der grösste Teil des Lebens im Frauengefängnis ab. Es wird gekocht, gewaschen, geschlafen, gehandelt, gestritten, gearbeitet, und mittendrin viele, viele Kinder. Zum Schutz vor Sonne und Regen ist der Innenhof teilweise mit Plastikblachen überspannt. Die vielen Kinder die wir antreffen leben auch im Gefängnis. Die Frauen müssen oft alleine für die Familie sorgen, da ihre Männer arbeitslos oder dem Alkohol verfallen sind. Wie sollen sie denn das machen, ohne Ausbildung und Arbeit? Sie stehlen, handeln mit Drogen oder prostituieren sich. Aus diesen Gründen landen sie dann meistens auch im Gefängnis. Manchmal kommt es auch vor, das eine Frau ihren Ehemann umbringt. Sie werden oft geschlagen, vergewaltigt oder sonst gedemütigt. Irgendwann reicht es dann, und es kommt zur Katastrophe. Meistens müssen die Kinder das alles mit ansehen. Hunger, Gewalt, Vergewaltigung und Mord. Und wenn ihre Mutter dann ins Gefängnis kommt, müssen sie dann auch noch mit in diese fremde Welt. Warum? Wer sollte sich den um sie kümmern?? Ihre Väter sind entweder tod, abgehauen oder Drogen- oder Alkoholsüchtig. Die Verwandten befinden sich in einer ähnlichen Situation, und können sich mit Sicherheit nicht noch um weitere Kinder kümmern, es ist ein kleines Wunder wenn sie die Eigenen durchbringen. So kommen also die Kinder mit ihrer Mutter ins Gefängnis. Und in Gefängnis geht das Leiden weiter. Hunger, Gewalt, Vergewaltigung, Drogen, Mord. Wie soll so ein Kind eine Chance haben ein normales Leben führen zu können? Es ist unmöglich! Diese Kinder haben keine Kindheit, sie haben keine Chance, ihre Seelen sind voller Narben, sie sehen Dinge die die allermeisten Menschen in Europa in ihrem ganzen Leben nicht zu Gesicht bekommen. Schwester Ingrid hat mir zwischendurch die eine oder andere Geschichte erzählt. Wir in Europa haben nicht die geringste Ahnung was diese Kinder durchmachen. Auch im Gefängnis müssen die Frauen irgendwie für ihre Kinder sorgen. Aber wie? Die meisten Frauen sitzen im Gefängnis ohne das sie einen Prozess erhalten hätten. Sie wissen nicht wie lange sie bleiben müssen. Niemand kümmert sich um sie. So halten sie sich mit Arbeiten für andere Frauen, stehlen, und Prostitution über Wasser. In der Nähe des Frauengefängnisses befindet sich ein Männergefängnis. Gegen Geld werden die Männer in der Nacht in die Anstalten gelassen, und die Frauen prostituieren sich. Für Viele die einzige Möglichkeit ein wenig Geld zu verdienen. Seit kurzem können sich die Frauen auch mit Näh- und Stickarbeiten einiges dazuverdienen. Pater Erik hat ein Nähatelier eingerichtet, in dem die Frauen arbeiten können. Aber längst nicht alle Frauen können davon profitieren. Zum arbeiten werden wohl die Frauen zugelassen die sich dieses Privileg irgendwie verdienen oder erwerben müssen. Manche Kinder haben Glück. Sie kommen in das Aldea de ninos Cristo Rey, dem Kinderdorf von Schwester Ingrid und Pater Erik. Sie holen so viele wie nur möglich aus den Gefängnissen. Aber auch ihr Kinderdorf hat Grenzen. Im Moment leben im Kinderdorf ca. 450 Kinder. Zusätzlich besuchen noch ca. 350 externe Kinder die Schule im Aldea. Da wir nicht mehr allzu viel Zeit zur Verfügung haben, beschränken wir uns auf einen kleinen Rundgang. Wir besuchen die Toiletten und Waschräume, das Gebärzimmer, den Innenhof und das Näh- und Arbeitszimmer. Die Toiletten und Waschräume sehen um einiges besser aus als bei den Männern, wohl auch weil die Frauen sie besser reinigen. Die Nassräume sind für bolivianische Verhältnisse sauber, was noch lange nicht heissen soll das sich hier eine Frau aus Europa duschen würde, wenn sie das nicht gezwungenermassen machen müsste.
Das Gebärzimmer wurde von Pater Erik eingerichtet, weil hier im Gefängnis immer wieder Kinder zur Welt kommen. Verhütungsmittel sind für die Frauen nur schwer zu bekommen, und viele müssen sich ihren Lebensunterhalt mit Prostitution verdienen. Viele Frauen wollen keine Kondome benutzen weil die Kirche dies verboten hat. Bevor das Gebärzimmer eingerichtet wurde, mussten die Frauen in ihren schmutzigen Zellen oder im Innenhof gebären! Das Näh- und Arbeitszimmer ist sehr gut eingerichtet, und bietet Platz für etwa 8 Frauen. Die Frauen erstellen hier vor allem Tischdecken die dann für etwa 30 Dollar verkauft werden können. 30 Dollar sind in Bolivien eine Menge Geld. Diese Arbeit wird von den Frauen sehr geschätzt, und bietet Ihnen die Möglichkeit unabhängig von Prostitution und anderen Frauen oder Familienmitgliedern ihre Familie zu ernähren. Als wir das Gefängnis verlassen, rumort es in meinem Kopf. Ich weiss nicht so recht was ich mit den ganzen Eindrücken anfangen soll, die ich in den letzten Stunden erhalten habe. Ich benötige wohl ein wenig Zeit um das alles zu verarbeiten. Ich habe eine andere Welt gesehen. Eine Welt von der ich nicht gedacht hätte das es sie gibt. Eine Sache ist uns gemein, uns, den Menschen auf der Sonnenseite, und denen, den Menschen auf der Schattenseite: Wir können uns nicht vorstellen wie es auf der jeweils anderen Seite aussieht. Wir haben keine Ahnung davon. Armut ist nicht einfach ein Wort! Wir können sie mit all unseren Sinnen wahrnehmen. Sie hat ein Gesicht, sie stinkt, sie klebt, sie eckelt, sie weint, sie schreit, sie hasst.
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