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13./14. Oktober 2003: Die
Auseinandersetzungen greifen auf La Paz über. Die Unruhen kosten über 60
Menschen das Leben.
La Paz - Nach wochenlangen
Demonstrationen in Bolivien ist der bisherige Präsident Gonzalo Sanchez de
Lozada zurückgetreten.
Am Freitagabend wurde sein
Stellvertreter Carlos Mesa als neuer Staatschef vereidigt.
Im Folgenden eine
Chronologie der Ereignisse, die dem Machtwechsel vorausgingen:
Chronologie des
Machtwechsels in Bolivien:
2002:
Die bolivianische Regierung trifft ein
Abkommen mit dem Unternehmen Pacific LNG über den Export von Erdgas in die USA
und nach Mexiko.
Erwartet werden jährliche
Einnahmen in Höhe von vier Milliarden Dollar (3,45 Mrd. Euro).
6. August 2002:
Der Geschäftsmann Gonzalo
Sanchez de Lozada wird nach einem knappen Wahlsieg für fünf Jahre als
bolivianischer Präsident vereidigt.
Die Erdgasvorkommen in dem
Andenland und der geplante Export seien ein "Geschenk Gottes", sagt der neue
Staatschef.
12./13. Februar
2003:
Nach Plänen der Regierung
für eine Steuererhöhung kommt es landesweit zu blutigen Unruhen. 31 Menschen
werden bei Zusammenstößen
zwischen aufständischen
Polizisten und den Streitkräften getötet.
15. September
2003:
Bauern demonstrieren gegen
den geplanten Erdgasexport. Sie fordern eine Nutzung der Erdgasvorkommen zum
Wohle der Bolivianer.
19. September 2003:
Zahlreiche Arbeitergruppen
schließen sich den Forderungen an. In mehreren Städten kommt es zu
Protestmärschen und Demonstrationen.
20. September 2003:
Bei Auseinandersetzungen
mit Streitkräften kommen in Warisata, 70 Kilometer von La Paz entfernt, sieben
Bauern ums Leben.
25. September
2003:
Die größte Gewerkschaft des
Landes beteiligt sich an den Demonstrationen und fordert darüber hinaus den
Rücktritt von Präsident Sanchez de Lozadas.
29. September
2003:
Landesweit starten
Demonstrationen für einen Rücktritt Sanchez de Lozadas.
9. bis 12. Oktober 2003:
In El Alto kommt es zu
blutigen Unruhen.
13./14. Oktober 2003:
Die Auseinandersetzungen
greifen auf La Paz über. Bisher haben die Unruhen nach Berichten von
Menschenrechtsorganisationen mehr als
60 Menschen das Leben
gekostet. Die Regierung bestätigt diese Zahlen nicht.
13. Oktober:
Sanchez de Lozada kündigt
eine Aussetzung der Exportpläne und einen Volksentscheid über das Projekt an.
Die Opposition lehnt das
Angebot ab. Die Forderungen nach seinem Rücktritt halten an.
17. Oktober 2003:
Sanchez de Lozada tritt
zurück, Vizepräsident Carlos Mesa übernimmt sein Amt.
De Lozada stürzte über Aufstand der
Armen
Bei Beginn seiner zweiten
Amtszeit im August 2002 kündigte der inzwischen 73-Jährige die Fortsetzung
marktwirtschaftlicher Reformen an, stieß aber bald auf heftigen
Widerstand.
La Paz -
Der Zorn der indianischen Bergarbeiter und Bauern richtete sich gegen eine
Politik der Marktwirtschaft, die es nicht geschafft hat, die Kluft zwischen
Reichen und Armen zu verringern. Am Freitag gab Präsident Gonzalo Sanchez de
Lozada dem Druck der Straße nach und erklärte seinen Rücktritt.
Auslöser
der Protestbewegung war die Absicht des Präsidenten, Erdgas in die USA und nach
Mexiko zu exportieren. Dazu sollte für fünf Milliarden Dollar (4,32 Mrd. Euro)
eine Pipeline gebaut werden - voraussichtlich durch Chile, dessen Territorium
Bolivien vom Pazifik abschließt. "Sie sagen, das Projekt wird Bolivien dabei
helfen, Millionen von Dollar zu verdienen", sagt der 22-jährige Eisverkäufer
Pablo Sanchez in La Paz. "Aber wer sagt, dass ich jemals etwas davon haben
werde?" Die Ursachen des Konflikts im ärmsten Land Südamerikas reichen aber
tiefer als die Erdgasdebatte, die der Präsident noch am Mittwoch mit der
Ankündigung einer Volksabstimmung zu beruhigen hoffte. "Die Mehrheit der
Bevölkerung, indianischer Abstimmung und arm, ist wirtschaftlich ausgegrenzt
worden", sagt die Bolivien-Expertin Donna Lee Van Cott. "Sie haben es satt zu
warten und sie sind hoch motiviert."
Sparkurs
Mit seiner jüngsten Austeritätspolitik - einem
strikten Sparkurs bei öffentlichen Ausgaben - hat de Lozado Gewerkschaften und
Bergarbeiter gegen sich aufgebracht. Die Koka-Bauern sind empört über sein
Programm gegen den Anbau der rauschmittelhaltigen Pflanze. Diese dient als
Ausgangsstoff zur Produktion von Kokain, wird aber von den Indianern
traditionell auch als Mittel verwendet, um das Hungergefühl zu dämpfen.
Schon im Februar kam es über die Proteste gegen die Austeritätspolitik
zu zweitägigen Unruhen, bei denen 31 Menschen ums Leben kamen. Damals kam es im
Konflikt um Preiserhöhungen und Gehaltskürzungen auch zu Zusammenstößen zwischen
streikenden Polizisten und Soldaten. Sanchez de Lozada musste sich in einem
Krankenwagen aus dem belagerten Präsidentenpalast in Sicherheit bringen. Danach
sagte er einen Verzicht auf Steuererhöhungen zu, konnte die Gemüter aber nur
kurze Zeit beruhigen.
Streit um
Erdgasexporte
Im September brach der Streit um die
Erdgasexporte auf. Straßenblockaden legten das über La Paz gelegene El Alto lahm
- und schnürten damit weite Teile der Millionenstadt ab. Am Mittwoch näherten
sich der Aufstand dem Präsidentenpalast. Regierungsgegner begannen damit, die
Straßen der Umgebung mit Zementblöcken zu blockieren. Zum Schutz des Palastes
zogen Panzer und Truppen auf. Noch vor wenigen Tagen versicherte der
Präsident, dass ein Rücktritt für ihn nicht in Frage komme. Es dürfe nicht
zugelassen werden, dass "anarcho-syndikalistische Gruppen einen demokratisch
gewählten Präsidenten stürzen". Zuletzt aber stellten sich nicht nur die
Anführer der Aufstandsbewegung von unten, sondern auch führende Köpfe der
politischen Elite gegen Sanchez de Lozada.
Machtwechsel in Bolivien
Boliviens neuer Staatschef
Mesa im Gespräch mit einem Minenarbeiter: "Als meine erste Pflicht betrachte ich
es, dem zuzuhören, was die Tausenden Menschen in den letzten Wochen gesagt
haben."
La Paz -
Nach wochenlangen Protesten gegen die Wirtschaftspolitik der Regierung ist der
bolivianische Präsident Gonzalo Sanchez de Lozada am Freitagabend
zurückgetreten. Noch am selben Abend ernannte das Parlament seinen bisherigen
Stellvertreter Carlos Mesa zum neuen Staatschef. Mesa kündigte unmittelbar nach
seiner Vereidigung vorgezogene Neuwahlen an. Bei gewalttätigen Demonstrationen
gegen den bisherigen Präsidenten waren unterschiedlichen Angaben zufolge
zwischen 65 und 80 Menschen ums Leben gekommen. Entzündet hatten sich die
Proteste unter anderem an geplanten Erdgasexporten in die USA.
Freudenfeiern auf den Straßen
Zigtausend Menschen
feierten auf den Straßen den Rücktritt von Sanchez de Lozada. Mesa erklärte in
seiner Antrittsrede: "Als meine erste Pflicht betrachte ich es, dem zuzuhören,
was die Tausenden Menschen in den letzten Wochen gesagt haben." Einen Monat lang
hatten immer wieder Zehntausende Bergarbeiter, Bauern und Arbeiter gegen die von
Sanchez de Lozada verfolgte und von den USA unterstützte Wirtschaftspolitik
demonstriert.
Schwerste Krise seit 20
Jahren
Das ärmste Land Südamerikas durchläuft
derzeit die schwerste Krise seiner 20-jährigen Demokratie. Die Arbeitslosenquote
in dem Andenstaat liegt bei zwölf Prozent. Drei von fünf der acht Millionen
Bolivianer müssen ihren Lebensunterhalt mit weniger als zwei Dollar (1,73 Euro)
am Tag bestreiten. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt in einigen
Regionen weniger als 45 Jahre.
Stolperstein
Erdgasgeschäfte
Kritik an Sanchez de Lozada kam vor
allem von den indianischen Ureinwohnern, die die Bevölkerungsmehrheit stellen.
Sie bemängelten, dass von den geplanten Erdgasgeschäften nicht Bolivien, sondern
lediglich das Nachbarland Chile, die USA und ausländische Investoren
profitierten. Koka-Bauern waren ihrerseits empört über sein Programm gegen den
Anbau der rauschgifthaltigen Pflanze. Koka dient als Ausgangsstoff zur
Produktion von Kokain, wird aber von den Indianern traditionell auch als Mittel
verwendet, um Hungergefühl zu dämpfen.
Mesa will
Wahlen vorziehen
Mesa kündigte nach seinem Amtseintritt
umgehend ein Erdgas-Referendum an. Der 50-jährige ehemalige Journalist und
Historiker sagte auch eine Reform der Energiegesetze zu, die nach Ansicht der
Ureinwohner ausländischen Firmen zu hohe Profite bescheren. Mesa ersuchte das
Parlament außerdem, seine eigentlich bis 2007 dauernde Amtszeit zu verkürzen und
die Wahlen vorzuziehen. Seinem Kabinett würden nur Unabhängige wie er selbst
angehören, keine Parteimitglieder. Das Volk traue den Parteien nicht mehr.
Nur widerwilliges Abtreten
Mesa hatte
Sanchez de Lozada am Montag seine Unterstützung entzogen. Nachdem die Regierung
mit dem Rückzug des Koalitionspartners Neue Republikanische Kraft eine weitere
Niederlage erlitten hatte, übermittelte Sanchez de Lozada dem Kongress sein
Rücktrittsschreiben. Er erklärte, er sei zum Rücktritt gezwungen worden und
trete nur widerwillig ab. Die bolivianische Demokratie durchlebe schwere Stunden
und stehe unter starkem Druck von Arbeitern, Gewerkschaften und anderen
Organisationen, so De Lozada.
"Die Gefahren bestehen
fort"
Über das Schicksal von Mesas Vorgänger
herrschte zunächst Unklarheit. Berichte örtlicher Fernsehstationen, Sanchez de
Lozada sei auf dem Weg nach Miami in den USA, bestätigten sich zunächst nicht.
In seinem vor dem Parlament verlesenen Rücktrittschreiben hieß es: "Ich warne
Sie, die Gefahren, die über dem Land hängen, bestehen fort." Sanchez de Lozada,
der Bolivien bereits von 1993 bis 1997 regiert hatte, hatte erst vor 14 Monaten
seine zweite Amtszeit begonnen. |